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Das Alte Ägypten: Geschichtsunterricht im Pelizaeus-Museum Hildesheim

 

  Im konventionellen Geschichtsunterricht verführt der Organisationsrahmen isolierter Einzelstunden zu lehrerzentrierter Stoffdurchnahme. Die in der Unterrichtseinheit "Ägypten" eingesetzten Materialien zielen auf "multum" statt "multa", also auf "viel" statt "vielerlei".

"Viel" bedeutet hier: Die Schülerinnen und Schüler
  • arbeiten an einem Schwerpunkt, also in die Tiefe und nicht in die Breite
  • lernen Strategien selbständigen Lernens
  • arbeiten auf ein Produkt zu
  • erwerben erste Schritte von Präsentationskompetenz.

 

Die Unterrichtseinheit gliedert sich in zwei Teile:

a) die vorbereitende Arbeit mit den Textmaterialien in der Schule
b) die Arbeit im Museum findet an zwei Tagen statt:
    1. Tag: Die SuS bereiten die Präsentation am Objekt vor: ( „die Exponate zum Sprechen bringen“) und planen ihren Gruppenvortrag
    2. Tag: alle Gruppen führen im Museum (Zeitbedarf der Vorträge pro Gruppe: ca. 45 Minuten)

Die SuS arbeiten in fünf Gruppen:
1) Das Leben im Jenseits
2) Die Herrschaft des Pharao
3) Frauen im Alten Ägypten
4) Kunst und Künstler im Alten Ägypten
5) Die Hieroglyphen

 

Gruppe 1: Das Leben im Jenseits

Diese Gruppe bearbeitet einen zentralen Aspekt der ägyptischen Kultur: Die meisten Funde stammen aus Gräbern. Die Vorstellung vom Leben im Jenseits und von den Kontakten zwischen Diesseits und Jenseits können an Exponaten festgemacht werden. Zur Arbeit des Balsamierers liegen Darstellungen aus dem Alten Ägypten vor (im Museum vorhanden). An Särgen lässt sich festmachen, dass der Verstobene nach dem Glauben der Ägypter lebte. Mumienporträts zeigen z.T. außergewöhnliche Lebendigkeit. Die Kultkammer des Uhemka und das Grab des Sen-nefer beeindrucken durch hohe Anschaulichkeit. In der detailgetreuen begehbaren Reproduktion des Sen-nefer-Grabes können die SuS sich fühlen wie in einem alt-ägyptischen Grab. Die überlebensgroße Statue des Wesirs Hem-iunu deutet auf seine Bedeutung hin: Er war zuständig für den Bau der Cheops-Pyramide.

 

Gruppe 2: Die Herrschaft des Pharao

Diese Gruppe thematisiert die zentrale Rolle des Pharao: Er legitimierte seine Stellung mit dem Bezug zu den Göttern. Der Pharao war der höchste Priester, nur er durfte Kontakt zu den Göttern aufnehmen, und in seinem Auftrag hohe Priester in den Tempeln. Eine wichtige Aufgabe war, die Gottheiten zu besänftigen. Die Stellung des Pharao überragte weit alle Menschen. Eine wichtige Rolle nahmen die Beamten ein, ohne sie wäre der Staat nicht regierbar gewesen. Die Beamten selbst standen in einer klaren hierarchischen Struktur in einer Befehlskette vom höchsten Beamten – dem Wesir – bis zu einfachen Schreiber. Alle Beamte hoben sich ab vom Rest der Bevölkerung: Sie konnten lesen und schreiben.

 

Gruppe 3: Frauen im Alten Ägypten

Im Vergleich zu anderen antiken Kulturen hatte die Frau in der ägyptischen Gesellschaft eine hervorgehobene Position. Von voller Gleichberechtigung und Gleichrangigkeit gegenüber dem Mann kann jedoch nicht gesprochen werden. Für Schülerinnen und Schülern dieses Alters ist es eine besondere Herausforderung, das Sowohl-als auch, das Ja-aber zu fassen und durchzuhalten. Besonders prägnant ist Merit, die Ehefrau des hohen Beamten Sen-nefer. Zu allen gesellschaftlichen Gruppen unterhalb der Königin finden sich aussagekräftige Exponate. Zentrale Fragen dieser Gruppe: Wie haben Frauen der Oberschicht, der Mittelschicht, der Unterschicht gelebt? Gab es Liebesheirat? Was war in Eheverträgen geregelt? Gab es spezielle Frauenberufe? Welche Rechte hatte eine Frau? Konnte sie erben und vererben? Gab es Familiennamen? Waren Mann und Frau im Tode gleich? Wie erklären sich Besonderheiten in der Darstellung (z.B. Hautfarbe)?

 

Gruppe 4: Kunst und Künstler im Alten Ägypten

Hier können die SuS untersuchen, nach welchen Regeln die Ägypter Menschen dargestellt haben und vor allem, wo der Grund für diese Darstellungsregeln liegt. Die SuS entdecken eine Darstellungweise, die völlig abweicht von unserer fotografisch-exakten Sichtweise. An mehreren Exponaten kann Bedeutungsmaßstab erkannt werden, also: Bedeutsames wird größer dargestellt. Fragen bei Reliefs und Malerei: Warum werden flach auf dem Tisch liegende Brote aufgerichtet dargestellt? Warum sitzt bei Menschen meist ein Daumen auf der „falschen“ Seite? Warum hat ein Fuß den großen Zeh auf der „falschen“ Seite? Warum werden Überschneidungen möglichst vermieden? Warum wird (außer bei arbeitenden Menschen) die Schulter immer in frontaler Vorderansicht gezeigt? Warum stellt das Relief des hohen Beamten Seschem-nefer eine Ausnahme dar? Warum ist das Auge so ungewöhnlich platziert? Warum wurde ein Künstler bezeichnet als „der, welcher am Leben erhält“? Die SuS haben einiges zu klären.

 

Gruppe 5: Die Hieroglyphen

Die SuS empfinden es als reizvoll, diese geheimnisvolle Schrift zu „knacken“. Die Arbeit dieser Gruppe findet immer statt in Bezug zu konkreten Inschriften von Exponaten aus dem Museum, altägyptische Grammatik bleibt auf ein Mindestmaß beschränkt. Die Einarbeitung erfolgt mit Hilfe von speziell ausgerichteten Verzeichnissen: Ein-, Zwei- und Mehrkonsonanten, Determinative, Vokabelliste, Eigennamen. Das bei der Gruppe IV auftretende Problem zu Seschem-nefer kann nur gelöst werden mit Hilfe der Hieroglyphen-Gruppe. Im Museum hat die Gruppe die Aufgabe, nicht nur zu übersetzen, sondern an konkreten Inschriften die Hieroglyphenschrift zu erklären.